Friedrich von Schiller

Meine kleine Gedichte-Sammlung

Die Größe der Welt

Auszug

1. Strophe
Die der schaffende Geist einst aus
dem Chaos schlug,
Durch die schwebende Welt flieg`
ich in Windes flug,
Bis am Strande
ihrer Wogen ich lande,
Anker werf´, wo kein Hauch mehr weht
Und der Marktstein der Schöpfung steht.

1786

Das Geheimnis

Auszug

1. Sie konnte mir kein Wörtchen sagen,
Zu viele Lauscher waren wach,
Den Blick nur durft ich schüchtern fragen,
Und wohl verstand ich, was er sprach.
Leis komm ich her in deine Stille,
Du schön belaubtes Buchenzelt,
Verbirg in deiner grünen Hülle
Die Liebenden dem Aug der Welt!

2. Von ferne mit verworrnem Sausen
Arbeitet der geschäftge Tag,
Und durch der Stimmen holes Brausen
Erkenn ich schwerer Hämmer Schlag.
So sauer ringt die kargen Lose
Der Mensch dem harten Himmel ab,
Doch leicht erworben, aus dem Schoße
Der Götter fällt das Glück herab.

1797

Hoffnung

Auszug

1. Es reden und träumen die Menschen viel
Von besseren künftigen Tagen,
Nach einem glüklichen, goldenen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen.
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer auf Verbesserung.

1797

Die Worte des Glaubens

Auszug

1. Drei Worte nenn´ ich euch, inhaltschwer,
Sie gehen von Munde zu Munde;
Doch stammen sie nicht von außen her,
Das Herz nur gibt davon Kunde,
Dem Menschen ist aller Wert geraubt,
Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt.

1797

Pflicht für jeden Tag

Immer strebe zum Ganzen!
Und kannst du selber kein Ganzes
Werden, als dienendes Glied
schließ an ein Ganzes dich an!

Mein Glaube

Welche Religion ich bekenne?
Keine von allen,
Die du mir nennst.-Und warum keine?
Aus Religion.

Aufgabe

Keiner sei gleich dem anderen,
doch gleich sei jeder dem Höchsten.
Wie das zu machen?
Es sei jeder vollendet in sich.

Güte und Größe

Nur zwei Tugenden gibt´s.
Oh wären sie immer vereinigt:
Immer die Güte auch groß,
immer die Größe auch gut!

Aus "Zerstreute Epigramme"

Gedankengedichte

Breite und Tiefe 1797

Es glänzen viele in der Welt,
Sie wissen von allem zu sagen,
Und wo was reizet und wo was gefällt,
Man kann es bei ihnen erfragen,
Man dächte, hört man sie reden laut,
Sie hätten wirklich erobert die Braut.

Doch gehn sie aus der Wel't ganz still,
Ihr Leben war verloren,
Wer etwas Treffliches leisten will,
Hätt gern was Großes geboren,
Der sammle still und unerschlafft
Im kleinsten Punkte die höchste Kraft.

Der Stamm erhebt sich in die Luft
Mit üppig prangenden Zweigen,
Die Blätter glänzen und hauchen Duft,
Doch können sie Früchte nicht zeugen,
Der Kern allein im schmalen Raum
Verbirgt den Stolz des Waldes, den Baum.

Licht und Wärme 1797

Der beßre Mensch tritt in die Welt
Mit fröhlichem Vertrauen,
Er glaubt, was ihm die Seele schwellt,
Auch außer sich zu schauen,
Und weiht, von edlem Eifer warm,
Der Wahrheit seinen treuen Arm.

Doch alles ist so klein, so eng,
Hat er es erst erfahren,
Da sucht er in dem Weltgedräng
Sich selbst nur zu bewahren,
Das Herz in kalter stolzer Ruh,
Schließt endlich sich der Liebe zu.

Sie geben, ach! nicht immer Glut,
Der Wahrheit helle Strahlen.
Wohl denen, die des Wissens Gut
Nicht mit dem Herzen zahlen.
Drum paart zu eurem schönsten Glück
Mit Schwärmers Ernst des Weltmanns Blick.

Sprüche des Konfuzius 1795

Dreifach ist der Schritt der Zeit,
Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,
Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,
Ewig still steht die Vergangenheit.

Keine Ungeduld beflügelt
Ihren Schritt, wenn sie verweilt.
Keine Furcht, kein Zweifeln zügelt
Ihren Lauf, wenn sie enteilt.
Keine Reu, kein Zaubersegen
Kann die stehende bewegen.

Möchtest du beglückt und weise
Endigen des Lebens Reise,
Nimm die zögernde zum Rat,
Nicht zum Werkzeug deiner Tat.
Wähle nicht die fliehende zum Freund,
Nicht die bleibende zum Feind.

Sprüche des Konfuzius

Dreifach ist des Raumes Maß.
Rastlos fort ohn Unterlaß
Strebt die  L ä n g e , fort ins Weite
Endlos gießet sich die  B r e i t e ,
Grundlos senkt die  T i e f e  sich.

Dir ein Bild sind sie gegeben,
Rastlos vorwärts mußt du streben,
Nie ermüdet stillestehn,
Willst du die Vollendung sehn,
Mußt ins Weite dich entfalten,
Soll sich dir die Welt gestalten,
In die Tiefe mußt du steigen,
Soll sich dir das Wesen zeigen,

Nur Beharrung führt zum Ziel,
Nur die Fülle führt zur Klarheit,
Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.



Monika Hubl-Moussa

Dichter & Denker:   Index
Busch  Ebner‑Eschenbach  Feuchtersleben  Fontane  Goethe  Gibran  Lichtenberg  Lindbergh  Morgenstern  Novalis  Saint ‑ Exupéry  Schiller  Schlegel  Voltaire  Wilde  andere
Geschichte der Literatur    Inhaltsverzeichnis    Startseite   Copyright & Impressum